Abruf

100 Prozent

Auf der Schüler:innen-Vollversammlung im Sommer 2025 hat Sinem Nur Altinbilek ein Gedicht vorgetragen. Es geht um Prüfungsangst, Lerndruck, Noten - Themen, die in vielen Beratungsgesprächen zur Sprache kommen. Bei mir hat das Gedicht eine Gänsehaut ausgelöst, weil es die Problematik genau trifft!

Jens Gaedecke

100 Prozent

Ich zähle nicht die Stunden.
Ich zähle Fehler.
Die, die ich mache.
Die, die ich vermeiden muss.
Die, die ich im Schlaf noch träume.
Mit Herzrasen.
Mit offenen Augen.
Mit geschlossenen Lippen.

Ich sitze da –
Stuhl, Tisch, Stift.
Und in mir: ein Gewitter.
Die Aufgabe starrt mich an,
wie ein kaltes Auge.
Ich starre zurück
und tue, was ich gelernt habe:
Nicht denken, nur funktionieren.
Nicht fühlen, nur bestehen.

Klassenarbeit.

Was für ein Wort.
Als müsste ich vor Gericht beweisen,
dass ich ein Mensch bin,
wertvoll genug für eine Zukunft,
die ich kaum mehr erkenne,
weil der Weg dorthin
voller Raster ist,
und ich zu groß bin
für die Schablone,
aber zu leise,
um es zu sagen.

Sie fragen nicht,
wie viel ich geschlafen hab.
Wie viel Tränen ich geschluckt hab.
Wie oft ich gedacht hab:
“Ich kann das nicht mehr.”
Sie wollen Zahlen.
Resultate.
Ein „ausreichend" ist ein Stempel.
Ein gut" ist ein Schulterzucken.
Ein „sehr gut"
ist der neue Standard.

Was gestern gereicht hat,
ist heute zu wenig.
Ich wachse nicht.
Ich renne.
Ich falle nach vorn,
weil ich nicht stehen bleiben darf.

„Du hast doch Potenzial."
sagen sie,
wie ein Lob.

Doch es klingt wie ein Vorwurf.
Wie:
„Du bist schuld, wenn du es nicht abrufst."
„Du bist schuld, wenn du nicht funktionierst."
„Du bist schuld, wenn du schwach wirst."

Aber ich bin nicht schwach.
Ich bin müde.
Ich bin leer.
Ich bin eine Maschine,
die sich selbst reparieren muss, 
mit Klebeband aus Selbstzweifeln 
und einem Motor aus Angst.

Angst vorm Versagen.
Angst vor dem Blick im Spiegel, 
wenn da eine Drei steht
statt einer Eins.
Angst vor den Lehrerworten:
„Du kannst mehr."
Vielleicht kann ich.
Aber ich will nicht mehr 
auf Kosten von mir. 

Zwischen Schulbüchern, 
Pausenklingeln
und Notenlisten.
Ich verliere mich -
zwischen allem,
was ich tun soll,
und dem, was ich eigentlich bin.

Ich bin kein Code.
Kein Bewertungsbogen.
Ich bin keine Statistik.
Ich bin keine Platzierung.
Ich bin ein Mensch,
der manchmal langsam lernt,
weil sein Kopf voll ist
von Gedanken,
die in keiner Prüfung vorkommen.

Ich bin ein Mensch,
der nachts wach liegt,
nicht weil er zu wenig weiß,
sondern weil er zu viel fühlt.

Ich bin ein Mensch,
der in jedem Test
sein ganzes Selbst
zwischen die Zeilen legt -
und dann bewertet wird,
als wäre das nichts.
Und am Ende steht da:
Eine Note.
Ein Urteil.
Ein Schnitt.
Und niemand fragt,
wie viel Mut es gebraucht hat, 
überhaupt anzutreten.

Vielleicht will ich gar keine 100 Prozent.
Vielleicht will ich 100 Prozent Ich sein.
Mit Raum zum Scheitern,
mit Platz zum Atmen,
mit Zeit zum Leben.

Aber hier
lerne ich nicht für das Leben.
Ich lerne, zu überleben
in einem System,
das mich ständig daran erinnert:
Du bist nur so viel wert,
wie deine Leistung.
Und trotzdem steh ich jeden Morgen auf.
Trotzdem geh ich hin. Trotzdem halt ich durch.

Sinem Nur Altinbilek

Gedicht als PDF zum Ausdrucken